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Evidenz vor Schweregrad: die ENISA Threat Landscape 2026

Die Cybersicherheitsagentur der EU hat 8.257 Vorfälle aus 2025 ausgewertet. Wo sich der Einfallsweg nachvollziehen ließ, lag vorn eine bekannte Schwachstelle, und der Netzwerkrand tauchte immer wieder auf. Was der Bericht für die Reihenfolge Ihrer Behebungsliste bedeutet.

By Cyvance Intelligence

ENISA, die Cybersicherheitsagentur der EU, hat im September ihre Threat Landscape 2026 veröffentlicht. Sie umfasst 8.257 Vorfälle, die im Kalenderjahr 2025 in der EU erfasst wurden. DDoS und Hacktivismus dominieren die Fallzahlen und werden die Schlagzeilen bekommen. Der Befund, der die Arbeit von Sicherheitsteams im nächsten Quartal verändern sollte, steht weiter hinten: Wo ENISA nachvollziehen konnte, wie Angreifer hineinkamen, kamen sie meist über eine bekannte Schwachstelle, sehr oft auf einem Gerät am Netzwerkrand.

60,4%
der nachvollziehbaren unbefugten Zugriffe begannen mit einer ausgenutzten Schwachstelle
Fehlkonfiguration: 20,7%
70%
der nachvollziehbaren staatsnahen Angriffe begannen mit der Ausnutzung einer Schwachstelle
der häufigste Vektor
48.000+
neue CVEs im Jahr 2025 veröffentlicht
▲ 22% gegenüber dem Vorjahr
245
Schwachstellen 2025 neu im Known-Exploited-Katalog der CISA
die mit Nachweis der Ausnutzung

Der Weg hinein ist eine bekannte Lücke

DDoS machte 51,3% der von ENISA erfassten Vorfälle aus, unbefugter Zugriff 39,5%. Die zweite Kategorie ist die, die in Ransomware, Datendiebstahl und Spionage endet. Wo ENISA feststellen konnte, wie ein unbefugter Zugriff begann, nutzten 60,4% eine Schwachstelle, N-Days wie Zero-Days. Fehlkonfiguration und versehentliche Offenlegung folgten mit 20,7%.

Die fähigsten Angreifer zeigen in dieselbe Richtung. Bei staatsnahen Angriffen mit identifiziertem Einfallsweg entfielen 70% auf die Ausnutzung von Schwachstellen.

Wie unbefugte Zugriffe begannen – EU, 2025

Anteil der Vorfälle mit identifiziertem Einfallsvektor

Einfallsvektoren bei unbefugten Zugriffen in der EU, 2025 Schwachstelle 60,4% Fehlkonfiguration & versehentliche Offenlegung 20,7% Alle übrigen Vektoren 18,9%

„Alle übrigen Vektoren“ ist der Rest nach den beiden Kategorien, die ENISA im Text nennt, und schließt Insider-Bedrohungen ein. Basis: die unbefugten Zugriffe, bei denen ENISA den Einfallsvektor identifizieren konnte.

Die 60,4% mit Sorgfalt lesen

Stichprobe

ENISA konnte nur bei 5,2% der erfassten unbefugten Zugriffe einen Einfallsvektor identifizieren, bei staatsnahen Vorfällen in 20%.

Diese Zeile werden die meisten Zusammenfassungen übergehen. Der Datensatz stützt sich überwiegend auf offene Quellen, und der Bericht sagt selbst offen, dass er eine Momentaufnahme ist, keine Vollerhebung. Die 60,4% beschreiben also die Vorfälle, deren Einfallsweg öffentlich wurde, nicht jeden Angriff in Europa.

Gewicht hat die Zahl trotzdem, aus zwei Gründen. Erstens kommt ein völlig anderer Datensatz zum selben Ergebnis: Der Verizon DBIR 2026, gebaut aus untersuchten Sicherheitsverletzungen, nennt die Ausnutzung von Schwachstellen zum ersten Mal in 19 Jahren als häufigsten Weg hinein. Zweitens hält das Muster auch an der Spitze: 70% bei staatsnahen Akteuren. Zwei Quellen, zwei Methoden, eine Richtung.

Schweregrad ergibt eine lange Liste. Evidenz eine kurze.

2025 wurden mehr als 48.000 neue CVEs veröffentlicht, 22% mehr als im Vorjahr. Nach CVSS-Basiswert waren 9% kritisch und 30% hoch. Wer nach Schweregrad sortiert, bekommt allein aus 2025 rund 18.700 „dringende“ Schwachstellen. Im selben Zeitraum hat der Known-Exploited-Vulnerabilities-Katalog der CISA 245 aufgenommen: Schwachstellen mit Belegen für reale Ausnutzung.

Zwei Wege zur Behebungsliste – 2025

Größe der jeweiligen Liste, gleicher Maßstab

CVSS kritisch und hoch gegenüber nachweislich ausgenutzten Neuaufnahmen, 2025 CVSS kritisch + hoch neue CVEs, 2025 ~18.700 Nachweislich ausgenutzt neu in CISA KEV, 2025 245 ≈ 1 auf 76

Ein Größenvergleich, kein Trichter: Die Neuaufnahmen im Katalog umfassen auch CVEs aus früheren Jahren, und viele ausgenutzte Lücken landen nie darin. ~18.700 ist unsere Rechnung (39% von 48.000+); alle anderen Zahlen stammen von ENISA.

CVSS misst, wie schwer eine Schwachstelle unter Modellannahmen wiegen könnte. Ob sie jemand ausnutzt, sagt der Wert nicht. Auch der Filter „aus der Ferne ausnutzbar“ hilft kaum: 71% der CVEs von 2025 nennen Network als Angriffsvektor. Evidenz der Ausnutzung ist der Filter, der die Liste tatsächlich verkürzt. Ein Team, das die Schweregrad-Liste abarbeitet, verbringt den Großteil seiner Kapazität mit Lücken ohne jedes Anzeichen eines Angriffs, während die ausgenutzten warten, bis sie dran sind. Und ENISA stellt fest, dass Angreifer neu veröffentlichte Schwachstellen immer schneller einsatzfähig machen. Die Warteschlange ist kein sicherer Ort.

Am Netzwerkrand fängt es an

Die Fallbeispiele des Berichts kehren immer wieder zur selben Klasse von Systemen zurück: VPN-Gateways, Firewalls und Fernzugriffs-Appliances, die Systeme also, die ENISA an der Grenze zwischen öffentlichem Netz und Unternehmensumgebung verortet. Ransomware-Gruppen und staatsnahe Akteure nutzten sie gleichermaßen.

Lücken am Netzwerkrand im Bericht

Laut ENISA ausgenutzt von Ransomware-Gruppen und staatsnahen Akteuren

ProduktCVEGenutzt von
Fortinet FortiGateCVE-2024-55591Qilin, INC Ransom Ransomware
SonicWall-FirewallsCVE-2024-40766Akira Ransomware
Cisco ASA / FTDCVE-2023-20269Akira Ransomware
Ivanti Connect SecureCVE-2025-0282UNC5221 China-nah
Cisco Secure Firewall ASA / FTDCVE-2025-20333
CVE-2025-20362
Storm-1849 China-nah
Cisco IOS XECVE-2023-20198Salt Typhoon China-nah
Cisco IOS / IOS XECVE-2018-0171DragonFly Russland-nah

Eine Auswahl, keine vollständige Liste. Die Nutzung von CVE-2023-20198 durch Salt Typhoon wurde gegen italienische Provider-Infrastruktur und die TU Delft berichtet.

Drei Dinge fallen auf. Das Motiv ändert die Tür nicht. Dieselben Appliances tauchen in kriminellen wie in Spionagekampagnen auf, und ENISA erwartet, dass sich diese Angleichung fortsetzt: unterschiedliche Gruppen, dieselben Schwachstellen, dieselben Wege hinein. Alter entschärft kein Risiko. Die Cisco-Lücke von Salt Typhoon stammt aus 2023, die von DragonFly aus 2018, und die Tabelle der staatsnahen Akteure im Bericht reicht bis 2017 zurück. Die Fehlerklassen sind die gefährlichen. Die häufigsten Schwächen hinter den 2025 neu als ausgenutzt gelisteten Lücken waren OS Command Injection, Path Traversal und die Deserialisierung nicht vertrauenswürdiger Daten, die laut ENISA bis zur Codeausführung und zur vollständigen Übernahme des betroffenen Systems führen können.

Was das für Exposure Management bedeutet

ENISAs Schluss lautet, die gemeinsamen Schwächen zu beheben, die jede Art von Angreifer wiederverwendet. Drei Konsequenzen, die wir bei Cyvance ernst nehmen:

  • Erst nach Evidenz ordnen, dann nach Exposition. Evidenz der Ausnutzung entscheidet, ob eine Schwachstelle dringend ist. Ob das betroffene System erreichbar und kritisch ist, entscheidet, wie dringend. CVSS bleibt als Kontext im Bild, aber nicht als Sortierschlüssel.
  • Der Netzwerkrand verdient eine eigene Liste. Internetzugängliche Appliances brauchen eine kurze, laufend aktualisierte Sicht: was exponiert ist, was darauf läuft und welche ihrer Lücken ausgenutzt wurden. Wenn ENISA, Verizon und der CISA-Katalog auf dieselben Geräte zeigen, ist das die Liste, die zuerst kürzer werden muss.
  • Alte Evidenz verjährt nicht. Eine 2018 veröffentlichte Lücke wurde 2025 noch ausgenutzt. Nachweislich ausgenutzte Einträge, die in Ihrem Backlog noch offen sind, sind keine technischen Schulden, die man langsam abträgt. Sie sind die Angriffsfläche, die dieser Bericht dokumentiert.

So haben wir unsere Priorisierung gebaut. Jede CVE erhält eine TRX-Stufe aus der Ausnutzungsevidenz dahinter: ATTACKED, FUNCTIONAL, POC oder UNPROVEN. Diese Stufe steht neben der Information, wo die verwundbare Software tatsächlich läuft und ob das System exponiert ist. So steigt eine angegriffene Lücke auf einem internetzugänglichen Host nach oben, und ein kritischer Wert ohne Evidenz dahinter wartet.

Cyvance Technologies
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Quelle: ENISA Threat Landscape 2026 (September 2026), Agentur der Europäischen Union für Cybersicherheit. Berichtszeitraum 1. Januar bis 31. Dezember 2025, 8.257 Vorfälle. Alle Zahlen stammen von ENISA, außer den abgeleiteten ~18.700; Analyse und Visualisierungen sind von Cyvance. Den vollständigen Bericht finden Sie unter enisa.europa.eu.